19.Infanterie-Division
19.Infanterie-Division
Otto von Knobelsdorff
Geschichte der niedersächsischen
19. Panzer-Division
(bis 31. 10. 1940 19.Infanterie-Division)
1958
VERLAG HANS_HENNING PODZUN . BAD NAUHEIM
BIBLIOTHEK FÜR ZEITGESCHICHTE
Weltkriegs Bücherei
73338
STUTTGART
Major KÖHLER liegt mit vorn im straßengraben im abschnitt der 5e kompanie, die sich bereits mit ersten teilen von der straße gelöst hat. Die voll vom feindfeuer aus der flanke gefaßte 7e kompanie schafft den sprung nicht. So laßt major KÖHLER die 6e kompanie heranholen und links neben der 5e kompanie Angreifen. Als auf einer großen fläche die angriff liegenzubleiben droht, springt Major KÖHLER bis zu den vordersten gruppen vor. Ein augenzeuge berichtet : Mit seiner heiseren stimme, die in den letzten kampflagen restlos verbraucht wurde, höre ich ihn auf die kameraden einreden. Flach an den boden gepreßt, kriecht er von mann zu mann, schielt nach der unsichtbaren « Eisenspritzern », springt wieder ein stück. Bruchteile seiner anweisungen trägt der wind zu mir : « Jungens, hier könnt ihr doch nicht liegenbleiben – die können auch nicht ohne unterbrechung schießen – bei der nächsten feuerpause raus – sobald es wieder aufbellt, hinhauen. Wenn ich ‘los !’ brülle (ach er konnte ja kaum noch brüllen, wie er es sonst so herzerfrischend tat) – seht, nur noch ein kurzes stück, da vorn können wir sogar aufrecht gehen » Wenn es ihn bloß nicht noch einmal erwischt, denke ich gerade, da springt er schon mit den ruf « Auf Marsch – Marsch » weiter. So kommt der angriff wieder in gang, um 19.30 Uhr ist das 2 km. entfernte angriffsziel, die höhen bei MERKEGEMHOEK, erreicht. Hier bleibt das bataillon befehlensgemaß liegen und unterstützt nach rechts den angriff des I.R.74, das aus dem brückenkopf KWAADESTRAAT über unser 2e bataillon hinweg auf GYSELBRECHTEGHEM angreift. Noch ist die linke flanke des 1e bataillon offen, denn das 1e bataillon ist noch nicht heran. Schwere kämpfe haben sich am nachmittag dort entwickelt. Das Heidebataillon erlebt den blutigsten tag dieses feldzuges.
Wie wir gelesen haben, war der Regimentskommandeur mit dem verspäteten angriffsbefehl sofort zum 1e bataillon gefahren und hatte das sofortige antreten veranlaßt. Oberstleutnant Fhr. Von KERSNER setzt sich persönlich an die spitze seines bataillons. Schwer und verlustreich ist das antreten aus dem kleinen brückenkopf. Besonderes heftiges flankenfeuer kommt von links, wo das 1e I.R.59 – selbst in der linken flanke sehr behindert – abhängt. Die verluste häufen sich. Der führer der 2e kompanie, leutenant SCHWENKE, fällt mit schwerer verwundung aus. Die bereits arg …sammengeschrumpften kompanien sind zersplittert und durcheinander geraten. Uberall sind offiziere und unteroffiziere ausgefallen. Auf der großen freien fläche vor dem erhöht liegenden dorf KERKHOVE droht der angriffsfluß zu ver nden. In einer mulde sammelt feldwebel JÜRGENS die reste der führerlosen kompanien. « Alles hört auf mein kommando », brüllt er uber das gefechtsfeld. Abgesplitterte teile anderer kompanien holt er von rechts und links heran, gliedert je flüchtig und weist ihnen ihre aufgaben zu. Dann setzt er sich an die spitze deses haufens und bricht mit hurra gegen die feindstellungen vor. Überrascht und verwirrt von diesem sturmangriff, weicht der feind zurück auf den friedhof vor dem dorf. JÜRGENS läßt ihm keine zeit, sich festzusetzen. Mit karabiner und handgranate in der faust stürmt er seinen männern voran über den friedhof nweg. Links gelingt es dem bataillonskommandeur, mit den resten der 1e kompanie und seinem stab in KERKHOVE einzubrechen, wobei der bataillonsadjudant oberleutenant KERLL schwer verwundet wird. Hier entwickelt sich ein harter kampf um jedes haus. Angespornt durch das beispiel ihrer führer greifen die infanteristen immer wieder an, bis der feind ihnen das dorf überläßt. Vorerst ist er nur ein fer, schmaler einbruch. Doch als die Engländer dann von dieser beherrschenden höhe rechts und links vom flankenfeuer erfaßt werden, gegen sie auf der ganzen linie zurück. Gegen 19.30 Uhr hat das 1e bataillon mit allen teilen die straße ELSEGEM-KERKHOVE überschritten.
Endlich hört jetzt auch der druck auf die 7e kompanie auf, die seit mittag einen halben kilometer weiter immer noch an der straße festliegt.
In diesem augenblick ahnt feldwebel JÜRGENS noch nicht, daß sein entschlossener, tapferer einsatz höchste würding finden sollte durch verleihung des Ritterkreuzes zum eiseren Kreuz.
Inzwischen hat auf dem rechten flügel der division das I.R.74 GYSELBRECHTEGHEM genommen. Unser regiment bekommt auftrag, im anschluß an den linken flügel des I.R.74 mit 2e bataillon rechts und 1e bataillon links eine sicherungslinie beiderseits CASTER nach westen einzunehmen, was gegen 24.00 Uhr durchgeführt ist, wobei der linke flügel jedoch ohne verbindung bleibt.
Der durchbruch durch die stark befestigte Scheldestellung ist vollzogen. Drei hervorragend fechtende regimenter des Englischen Expeditionskorps – die’Royal Oaks’ die ‘Royal Hemshire Rifles’ und die ‘Royal Queens’ – sind unter harten und verlustreichen kämpfen geworfen. Alle drei bataillone haben gleichermaßen anteil an dem ruhm des regiments : das 3e bataillon mit dem handstreichartigen und schnellen übersetzen der Kompanie Vilmar am 20.5 und mit der ständigen erweiterung des brückenkopfes durch alle kompanien, das 2e bataillon mit dem selbständigen übersetzen und dem stürmischen vordringen auf MERKEGEMHOEK, das 1e bataillon durch seinen blutigen opfergang von GRIJKOORT nach KERKHOVE.
62 Gefallene und 3 vermißste läßt das regiment an der Schelde zurück, eine zahl, die noch beträtlich erhöht wird durch diejenigen von der 238 verwundeten, die später ihren verletzungen erlegen sind.
Angriff über die Lys
Wieder ist die fühlung mit dem schnell weichenden feind verloren gegangen. Um 13.00 Uhr (23.5) treten die bereits zur verfolgung umgegliederten bataillone wieder an und stoßen beiderseits VICHTE gegen die Lys vor. Ungehindert kommt die infanteriespitze (7e kompanie) an HARELBEKE heran. Es ist merkwürdig ruhig in der stadt. Menschenleere straßen, kein feind. Vorsichtig tastet sich die spitze an die Hauptstraße heran, biegt dann links ab zur br¨cke, die man jedoch gesprengt vorfindet. Hier gibt es erstes feuer.
HARELBEKE liegt hart am fluß. Von den dachböden der mehrstöckigen häuser kann man in ein sauber ausgebautes stellungssystem auf der westseite hineinsehen, in dem sich der feind ungeniert bewegt. Zum teil hemdsärmlich schlendern sie in den verbindungsgräben entlang, schwatzen miteinander – sorglos, ahnungslos. Die 7e kompanie ist schon mit allen MG auf den dachböden in stellung gegangen. So günstig war die gelegenheit noch nie. Es fehlen nur noch die floßäcke, dann kann es losgehen. Da erhält das regiment den befehl , den weiteren angriff einzustellen und zur verfügung der division in dem raum VICHTE zurückzumarschieren. Hier erfährt das regiment, daß es den angriff über die Lys am 24.5 als rechter nachbar des Inf. Rgt.74 fortsetzen soll. Der in der nacht eingehende divisionsbefehl stellt das regiment vor eine schwierige aufgabe. Als rechtes flügelregiment der division soll es bei BEVEREN (nördlich HARELBEKE) den Lysübergang erzwingen. Der angriff muß mit offener rechter flanke geführt werden, da der rechte nachbar (30eDiv.) die große flußschleife nördlich BEVEREN aussparen will. Alle vorstellungen des regiments, daß der feind auf breiter front angefaßt werden muß, dringen nicht durch. Die 30e Division sagt zu, den gegner dort mit starkem artillerieeinsatz niederzuhalten, eine zusage, die dann – wie das regiment befürchtet hatte – nicht gehalten wurde.
Das regiment setzt das 2e bataillon rechts (bei BEVEREN) und das 1e bataillon links davon ein. Um 17.00 Uhr beginnt der angriff. Beim 1e bataillon gelingt es der 3e kompanie, im heftigen feindfeuer das Westufer zu gewinnen und die ersten feldstellungen zu nehmen. Sofort werden die anderen kompanien nachgeschoben. Das brennende BAVICHOVE wird den Belgiern, die sich tapfer wehren, entrissen ; und weiter wird vorgestoßen auf HULSTE. Hier liegt das bataillon nach überwinnung eines bachgrundes zunächst fest. Der seinen bataillon mit dem stab vorausstürmende oberst Leutnant Fhr. von LERSNER wird verwundet und kann von seinen adjudanten, Leutnant KÜHLMANN, nur unter schwierigkeiten bis zu den kompanien zurückgeschafft werden. Um feindfeuer aus der rechten flanke auszuschalten, setzt der regimentskommandeur, der wie bei allen angriffen vorn ist, aus der regimentsreserve die 9e kompanie auf die feldstellungen ostwärts BAVICHOVE an, was zu einer spürbaren entlastung des 1e bataillon führt.
Inzwischen hat das rechts eingesetzte 2e bataillon einen schweren stand. Vier ganze floßäcke stehen nur zur verfügung. Das zwingt den kommandeur , Major KÖHLER, das bataillon treffenweise in der reihenfolge 7e, 6e, 5e kompanie einzusetzen. Da rechts auch niemand angreift, brechen auf einer breite von mehreren kilometern nur zwei züge der 7e kompanie um 17.00 Uhr mit ihren vier floßäcken aus den ersten häusern von BEVEREN hervor. 300m. brettebens wiesengelände sind sie überwinden. 100m. werden unter dem feuerschutz der artillerie in einem schwung zurückgelegt, dann ist es vorbei. Aus der großen flußschleife, die von der 30e division ausgespart worden ist, schlägt das feuer den angreifenden zügen in die flanke. Auf dem deckungslosen gelände werden drei floßacke von den feindlichen maschinengewehren sofort zerfetzt.
Mit dem letzten verbleibenden floßack gelangt unteroffizier RAKEMANN mit seiner gruppe fluß, dessen ufer etwa eineinhalb meter steil abfallen. « Wo sind die paddel »-. Die paddel hat oberschütze RIEMER ; der liegt schwer verwundet auf einer eingezäunten weide. Klagend dringt sein hilferuf heruber. Dreimal hat der san-gefreiter JÄGER einen anlauf genommen. Über den weidezaun kommt er nicht hinaus. Jedesmal mäht ein MG das gras vor seinen füßen. Inzwischen ist es still geworden um RIEMER –totenstill. Schnell wird vorn am fluß der floßack zu wasser gebracht. Unteroffizier RAKEMANN, Gefreiter GODEHARD und schutze BRANDES springen hinein. Gefreiter KREDEL will folgen. Im sprung trifft es ihn tôdlich. Mit den handen schippern sich die drei über den 18m. breiten fluß. In der mitte geraten sie in das feuer eines maschinengewehres. Dieser verdammte flußbogen ! Dort werden die Belgier frontal nicht angepackt und können nun seelenruhig das ganze flußbett der länge nach unter feuer halten. Es grenzt an ein wunder, daß die drei heil hinüberkommen. 20m. liegen sie vor einer gut getarnten und bisher nicht erkannten stellung. Handgranaten fliegen ! Schütze BRANDES fällt. Nun sind sie noch zu zweit und müssen froh sein, daß die Belgier sie jetzt in ruhe lassen.
Major KÖHLER ist inzwischen ganz vorn bei der 7e kompanie. Die 5e kompanie hat er bereits nördlich BEVERN mit allen waffen in stellung gehen lassen gegen die flußschleife. Es bringt kaum entlastung. Die 6e kompanie wird jetzt in marsch gesetzt mit mit dem auftrag, beim 1e bataillon Übersetzen und von dort die feindlichen uferstellungen aufzurollen. Während dies bewegungen anlaufen, wird Major KÖHLER ganz vorn bei der 7e kompanie verwundet. Ein gewehrschuß durchschlägt seinen rechten oberschenkel und verwundet den hinter ihm stehenden gefreiten SCHUH an der gleichen stelle. Der zufällig beim 2e bataillon anwesende chef der 4e kompanie, Hauptmann MEINERS, übernimmt sofort die führung des bataillons. Schon nach kurzer zeit erscheint Leutnant HOHNSCHOPP mit seinen männern auf dem westufer an der übersetzstelle der 7e kompanie. Jetzt kommt der angriff auch dort wieder in fluß. Mit dem einzigen floßack setzt die 7e kompanie über und stôßt zusammen mit der 6e kompanie tief in die stellungen hinein. Einzelne widerstandsnester wehren sich verbissen und müssen im nahkampf ausgehoben werden, in der masse weicht der feind aus.
Der Regimentskommandeur hat inzwischen das ganze 3e bataillon hinter dem 1e bataillon nachgeschoben. Diesem gelingt es dann noch in der dunkelheit, HULSTE zu nehmen. Das 3e bataillon wird für die nacht im ganzen regimentsabschnitt eingesetzt, so daß 1e und 2e bataillon in BAVICHOVE in alarmquartieren zusammengezogen werden können. Die schweren verluste des tages machen bei den meisten kompanien eine neugliederung mit nur zwei zügenerforderlich. Das regiment regelt die führung der bataillone so, daß Hauptmann MEINERS das ihm vertrautere 1e bataillon übernimmt. Oberleutnant VIERING (Chef 8e Kp) führt das 2e bataillon, bis dieses am nächsten tage endgültig von Hauptmann KNÖTSCH übernommen wird.
Die erkkämpfung des brückenkopfes INGELMUNSTER / ISEGHEM (Karte 3)
In der dunkelheit ist die fühlung mit dem fliehenden feind verloren gegangen. Die weitere verfolgung übernimmt in den frühen morgenstunden des 25.5 das 2e I.R.59 als vorausabteilung. Unser regiment tritt um 9.30 Uhr aus den unterkünften mit den 3e bataillon vorn den marsch auf STOKERIJ an der straße INGELMUNSTER-COURTRAI an, wo es sich zur verfügung der division bereithalten soll. Der nach dort vorausgefahrene Oberst MENKEL erhält gegen 11.00 Uhr vom Divisionskommandeur den befehl, mit einem bataillon bis zur bahnlinie INGELMUNSTER-COURTRAI weiter vorzugehen, nach westen aufzuklären und sichern. Das hierzu eingesetzte 3e bataillon erreicht ohne feindberührung die bahn, beobachtet aber bewegungen in den westlich der bahn gelegenen ortschaften CAPELLE St. CATHERINE und LENDELEDE. Der vor dem antreten vom 3e bataillon auf diese ortschaften angesetzte radfahrspähtrupp unter führung des Leutnant KIECKSEE ist bis 13.00 Uhr noch nicht zurückgekehrt. Die befürchtung daß dieser spähtrupp einem hinterhalt zum opfer gefallen ist, bestätigt sich leider im laufe des nachmittags durch ein von Hauptmann BRUNS geführtes stoßtruppunternehmen gegen LENDELEDE. Leutnant KIECKSEE und sein tapferer spähtrupp sind dort gefallen.
Aufgrund eines um 12.00 Uhr eingehenden divisionsbefehls wird das ganze regiment zur sicherung der nordflanke eingesetzt. 2e bataillon nimmt anschluß an den rechten flügel des 3e bataillon und sichert nach nordwesten im zuge der bahnlinie und dort entlang des HAAZEBEEK bis zur straße INGELMUNSTER – COURTRAI. Dort schließt 1e bataillon an mit front nach norden.
Kaum ist dies sicherungslinie bezogen, als ein neuer divisionsbefehl wiederum alles in bewegung setzt. Für das nach norden mit 255e und 30e division angreifende 11e armeekorps schützt 19e division die westflancke. Rechts wird bis an die straße INGELMUNSTER-COURTRAI das I.R.59. eingesetzt. Das Inf. Rgt. 73 erhält den auftrag, sich in der linie DOORNHOEH –ostwärts LENDELEDE- Westrand CAPELLE St. CATHERINE zur verteidigung einzurichten. Hierzu wird das 1e bataillon westlich der straße INGELMUNSTER-COURTRAI eingesetzt und dadurch der bisherige sicherungsabschnitt des 2e bataillon verkleinert. Das auf offener flanke eingesetzte 3e bataillon biegt linken flügel nach südosten um und staffelt eine kompanie links rückwarts. Unter starken sicherungen wird die stellung bezogen. Feindlicher widerstand westlich der bahn wird überall gebrochen. Das vor der HKL liegende LENDELEDE wird von 1 bataillon genommen und in die HKL auf grund der besseren wirkungsmöglichkeiten einbezogen. Hierbei werden eine 15cm. Batterie und zwei panzerwagen erbeutet sowie etliche gefangene gemacht.
Die ebenfalls vorgetriebenen gefechtsvorposten werfen feindliche sicherungen zurück. In der nun hereinbrechenden dämmerung wird von ihnen noch beobachtet, daß der feind in BOSCHMOLENS, WINKEL St. ELOI und SNEPHOEK schanzt. Bis 24.00 Uhr erhält das 1e bataillon anschluß nach rechts von I.R.59, das 3e bataillon an I.R.53 (30e Div.) nach links.
Die am 20.5. mit beginnender morgendämmerung angesetzte aufklärung bestätigt erneut die besetzung von BOSCHMOLENS und WINKEL St. ELOI sowie des zwischengeländes. Der feind ist erheblich tätiger als am vortage und nimmt vor allem die gefechtsvorposten und vorgeschobenen stellungen unter starkem munitionseinsatz mit artillerie –zum teil 15cm.- und granatwerfern unter feuer.
Zur genaueren feststellung der feindbesetzung wird nun ein Offizier-Spähtrupp unter führung von Leutnant BODE auf WINKEL St. ELOI angesetzt. Dieser durch mehrere stoß- und spätruppenunternehmen im Polen und Flandernfeldzug hervorragend bewährte offizier führt seine aufgabe wieder mit größter tapferkeit durch. In dem bestreben möglichst genaue unterlagen mitzubringen, dringt er trotz starken feuers weit vor seinem spähtrupp auf WINKEL St. ELOI vor. In dem bald einsetzenden sperrfeuer erhält er eine schwere kopf- und augenverletzung, die nach einige tagen den tod verursacht.
Gegen mittag erhält das regiment befehl, die sich zum angriff in westlicher richtung bereitstellenden Infanterie-Regimenter 59 und 74 aus der linie der gefechtsvorposten heraus zu sichern und den angriff mit feuer zu unterstützen. Hierzu werden die schweren waffen staffelweise vorgezogen, um möglichst weit wirken zu können. In diesen stellungen wird das regiment von den regimentern 59 und 74 überlaufen und verbleibt dann in den einsatzräumen als divisionsreserve.
Doch das währt nur ein paar stunden. Um 21.00 Uhr erhält das regiment den befehl, INGELMUNSTER zu besetzen und einen brückenkopf über den Lyskanal zu bilden unter sicherung nach westen. In INGELMUNSTER sollen teile der 30e division liegen, mit denen der ordonanzoffizier sofort verbindung aufnimmt. Die lage ist dort aber nicht geklärt, da noch geschossen wird. Anscheinend ist die stadt vom feind wieder neu besetzt worden. Das zuerst in marsch gesetzte 1e bataillon erreicht den ort gegen 24.00 UHR und bezieht im südwestteil unter ausstellung starker sicherungen unterkunft.
Ein auf ISEGHEM in der nacht zum 27.5. angesetzter sp¨htrupp unter Leutnant POERSCHKE findet dieses von Belgiern besetzt. Auf nahe entfernung kommt es zu einen feuerkampf, doch gelingt es dem sp¨htrupp, sich ohne verluste vom feinde zu lösen. Während der nachtstunden begibt sich der Regimentskommandeur zum 1e bataillon und befiehlt den sofortigen übergang und den angriff auf den nördlich des kanals liegenden stadtteil.
Die kanalbrücke ist gesprengt, zum übersetzen stehen schlauchboote der 3e/Pi.19 zur verfügung. Der bataillonsführer, Hauptmann MEINERS, geht mit den ersten teilen auf das nordufer über. INGELMUNSTER macht in der nacht mit den zerschossenen häusern einen unheimlichen eindruck, der durch die stille noch vermehrt wird. Von teilen der 30e division ist im orte nichts mehr festzustellen. Vielmehr wird plötzlich der bataillonsstab aus der dunkelheit auf weinige meter entfernung angeschossen. Die schüsse geben das signal für den feind. Leuchtkugeln steigen hoch. Es schießt in der vorher so stillen stadt aus allen häusern und besonders aus dem schlo$park, doch kann das bataillon bei der dunkelheit den gut eingebauten feind nicht ausmachen.
Die 1e kompanie dringt beiderseits der hauptstraße vor und setzt sich in den häusern fest, die 2e kompanie säubert park und schloß. Dem bataillon werden jetzt teile der dem regiment zugeführten Panzer-Jager-Abteilung 19 unterstellt. Als diese und die schweren waffen des bataillons übersetzen, beginnt es hell zu werden. Die Belgier erkennen jetzt die übergangsstelle und nehmen sie aus weiter westlich gelegenen häusern unter feuer, so daß eine verlegung der übergangsstelle nach osten erfordlich wird. Ein weiteres vordringen des 1e bataillon und eine erweiterung des brückenkopfes, besonderes nach westen, scheitern an dem starken feindwiderstand
Inzwischen ist gegen 5.00 Uhr das 2e bataillon heran und wird von Oberst MENKEL links neben dem 1e bataillon zum angriff angesetzt. Die 6e kompanie (Lt. HOHNSCHOPP) setzt als erste über, erreicht am nordufer des kanals entlang stoßend den bahndamm, der Lt Regimentsbefehl nich nach westen überschritten werden darf. Unter absicherung nach westen greift die 6e kompanie jetzt mit linken flügel an der bahn nach norden an, rechts daneben die 5e kompanie. INGELMUNSTER liegt unter starken artillerie- und granatwerferfeuer. Besonders sind bewegungen auf den deckungslosen kleinen brücken in der stadt kaum möglich, da die unter beobachtetem MG-feuer liegen. Die anschliesende planmäßige bekämpfung des feindes mit unterstützung der 3e/Art.Regt19 und der pak schafft luft, so daß die stadt 11.30 Uhr ganz in der hand des regiments ist.
Der gegen mittag nach INGELMUNSTER kommende Divisionskommandeur befiehlt, daß das regiment die vorbereitung für den abmarsch in westlicher richtung zur weiteren verfügung der division trifft und auf dem nortufer zur sicherung der vom pionierbataillon 19 im laufe des morgens gebauten kriegsbrücke nur ein bataillon beläßt.
Das 1e bataillon wird wieder auf das südufer herübergenommen, wo auch das 3e bataillon seit den frühen morgenstunden versammelt ist. (Wahrscheinlich ist das 3e bataillon mit teilen ebenfalls in Ingelmunster einsgesetzt gewesen) Den freigewordenenabschnitt des 1e bataillon übernimmt die in reserve gehaltene 7e kompanie. Das herausziehen des 1e und die umgliederung des 2e bataillon nimmt der feind unter artilleriefeuer, wovon einige 15cm. Granaten mitten in den regimentsgefechtsstand schlagen.
Um 14.20 Uhr ändert sich wieder die lage. Das zum abmarsch in südwestlicher richtung bereite regiment erhält den befehl, ISEGHEM zu besetzen und das nordufer des kanals im verein mit dem unterstellten 3e I.R.26 (30e Div.) zu saübern. Auf dem regimentsgefechtsstand werden 15.00 Uhr die befehle ausgegeben. Hierna soll 3e bataillon südlich des kanals auf ISEGHEM vorstoßen, 2e bataillon soll das am westrand von INGELMUNSTER liegende MANDEL nehmen, das besonderes stark besetzt ist und sich unangenehm flankierend auswirkt, und dann mit floßsäcken des Regiments-Pionierzuges auf das südufer übersetzen. Das dem regiment für diesen angriff unterstellte 3e/Inf.Rgt.26 soll nach weghnahme von MANDEL auf nordteil ISEGHEM durchstoßen. Der beginn des angriffs wird auf 17.00 Uhr festgesetzt.
16.45 Uhr wird nach kurzer feuervorbereitung des s.IG-Zuges vom 2e bataillon MANDEL genommen. Dem von 3e bataillon unter voraussendung seiner radfahrkompanie vorgetragenen angriff leistet der feind aus dem ostrand von ISEGHEM mit MG- und gewehrfeuer lebhaften widerstand. Der dich dort befindliche Regimentskommandeur setzt pap-geschütze und artillerie ein und führt mit dem kommandeur 3e bataillon an der spitze den angriff. Der feind zieht sich kämpfend von haus zu haus zurück. ISEGHEM wird 18.45 Uhr genommen. Zu gleicher zeit ist das 3e/I.R.26 nördlich des kanals ebenfalls vorgestoßen und das 2e bataillon auf das südufer übergesetzt. Der am kanal eingesetzte feind ergibt sich kampflos. Als der Regimentskommandeur mit teilen des 3e bataillon nach durchstoßen ISEGHEMS an den Lys-kanal gelangt, kommt zu gleicher zeit der adjudant 3e/I.R.26 an das nortufer und meldet die vollzogene inbesitznahme des nordteils von ISEGHEM. Das 3e/I.R.26 bekommt noch den befehl, das nordufer des kanals bis CACHTEM zu säubern, was anschließend erfolgt.
Nach diesem abwechslungs-, aber auch erfolreichen tage bezicht das regiment mit hereinbrechender dunkelheit in ISEGHEM unterkunft, ohne in der nacht noch vom feind belästigt zu werden.
Am 28.5., fr¨h 4.00 Uhr, erhält das regiment kenntnis von der kapitulation der Belgischen Armee und gleichzeitig befehl, sich in ISEGHEM zur verfügung der division zu halten.
Der sieg über die ohne chance tapfer kämpfende Belgische Armee löst überall große freude aus. Hat doch das regiment hieran im verlauf der kämpfe maßgeblichen anteil gehabt.
Das regiment bleibt bis in die nachmittagsstunden in ISEGHEM. Um 16.00 Uhr wird der weitermarsch angetreten. In geschlossener marschkolonne wird über ROULERS WESTROOSEBEEKE erreicht und in ortsunterkunft zur ruhe übergegangen.
Während das regiment am 29.5 in WESTROOSEBEEKE bleibt, greift die 19e division weiter an und erzwingt nördlich YPERN den übergang über den Iserkanal. Am 30.5 soll das regiment nachgezogen werden. Die bataillone haben sich gerade in marsch gestzt, als der befehl eintrifft, daß die alten unterkünfte wieder zu beziehen sind. Die 19e division ist aus dem immer enger werdenden einschließungsring um das Englische Expeditionskorps um DÜNKIRCHEN herausgezogen. Für das Inf.Rgt.73 ist damit der kämpferische einsatz im westfeldzug beendet.
Infanterie-Regiment 73
Abt. 1a Rgt.Gef.Std., 27.5.40
Regimentsbefehl
Das regiment wird mit dem heutigen tage, nachdem es ununterbrocken seit dem 15.5 mittags –also 11 tage lang- mit allen teilen in scharf vorwärtsdrängenden angriffsgefecht gewesen ist, aus der vorderen linie zurückgenommen.
Das regiment hat gegen die sämtlichen fünf schwierigen und stark befestigten abschnitte der Dyle, des Willebroek-Kanals, der Dendre, Schelde und Lys den angriff in vorderer linie zu führen gehabt; trotz der hardnäckigen gegenwehr gelans es dem regiment, an allen abschnitten durchzubrechen. Bei den abschnitten Willebroek-Kanal, Dendre und Schelde wurde der übergang von unserem regiment als erstem erzwungen. Insbesondere an dem außergewönlich zähe verteitigten Schelde-Abschnitt hat allein das regiment 73 über den rahmen der divisions hinaus den weg geebnet. Dieser kampf an der Schelde wird ein besonderes ruhmesblatt in der geschichte unseres regiments sein. Sowohl der frühzeitige und mehrere tage bis zum 22.5 hartnäckig wiederholte durchstoß des 3e bataillons bei MEERSCHE wie der schwungvolle angriff des 2e bataillons am 22.5 nachmittags auf MERKEGEMHOEK als auch durch flankierung von KERKHOVE her fast unmöglich erscheinende angriff des 1e bataillons aus GRYKOORT haben diesen erfolg des regiments geschaffen, unterstützt von den nie rastenden panzerjägers, dem stets frühzeitigzur stelle gewesenen Rgt.Pi.-Zug und den immer einsatzbereiten I.G.- und Nachrichten-Schützen. Das kostbare blut, das alle diese kämpfe, insbesondere die an der Schelde und an der Lys, gekostet haben, war der schlüssel zu siegen und erfolgen, wie sie einem regiment nur selten beschieden sind. Auch im kampf der letzten zwei tage hat das regiment noch seinen mann stehen und im nichtrastenden ansatz der aufklärung nochmals opfer bringen müssen.
Diese ununterbrochen 11 tage währenden kämpfe wurden geführt von einer durch märsche, fast dauerndes tragen des geräts, unregelmäßige verpflegung und tagenlangen mangel an schlaf bis zur äußersten grenze der leistungsfähigkeit beanspruchten truppe, die nach jedem erreichten ziel sich immer wieder aufs neue vorreißen ließ
Der Herr Kommandierende General und der Herr Divisons-Kommandeur haben mir merhrfach ihre anmerkung über den im Rgt.73 steckenden angriffsgeist angesprochen. Mein dank für das geleistete gilt sowohl allen offizieren, unteroffizieren und mannschaften, die noch in den reihen stehen, als ganz besonders denjenigen kameraden, die ihr leben oder blut für ihr regiment geopfert haben. Der gawaltige waffenerfolg, den das regiment errungen hat und der endgültige sieg, welcher dicht bevorsteht, sind der preis für alle opfer, die gebracht sind.
Ich bin stolz darauf, an der spitze eines solchen regiments stehen zu dürfen und bin gewiß, daß das regiment auch weiterhin seinen mann stehen wird, bis Deutschlands feinde endgültig am boden liegen.
MENKEL
Oberst und Regimentskommandeur
Bis zum 2. Juni bleibt das regiment in WESTROOSEBEEKE. Nach den tagen der körperlichen und seelischen anspannung ist ein ausgiebiger schlaf zunächst das notwendigste. Nachdem die ausgeruhte truppe die erforderlichen maßnahmen zur wiederherstellung der vollen einsatzbereitschaft durchgeführt hat, schaut man sich in seiner umgebung um. Sie ist reich an historischen stätten aus dem großen krieg der väter vor 25 jahren: LANGEMARCK, POELKAPELLE, PASSCHENDAELE. Hier haben in der großen Flandernschlacht 1917 schon einmal soldaten mit der nummer 73 auf den schulterklappen einen verzweifelten, opfervollen kampf gekämpft. Der zufall will es, daß die wahrer der großen tradition der Prinz Albrecht-Füsiliere wieder an der gleichen stelle stehen, diesmal als sieger. Manch einer aus den reihen unseres jungen regiments ist in jenen tagen an ein grab getreten und hat leise gesagt: “Vater, ich bin da!”
Der Marsch nach Süden
Die große schlacht in Flandern und im Artois ist zu ende. Der feldzug tritt in seine zweite phase, die zerschlagung der Französischen armee, die sich hinter Somme und Aisne in der sogennanten Weygandlinie zum kampf gestellt hat. Die 19e division tritt als reserve des OKH zum 4e A.K. und soll bis zum 4.6. abends in zwei tagemärschen bis in den raum um Douai herangezogen werden.
Damit begintt für das regiment eine folge von großen märschen, die es –ohne noch einmal ins gefecht zu kommen – weit nach SüdFrankreich bis uber die Loire führen solte. Von anfang an ist das regiment bemüht, durch verkehrsregelungsorgane, quartiermacherkommandos und eine gute ausschilderung des weges für einen reibungslosen marsch zu sorgen. Von nun an begegnen wir an jeder straßenkreuzung einem richtungspfeil met dem name “MENKEL”, so daß bald das scherzwort die runde macht: “Dieses sagenhafte dorf werden wir wohl nie erreichen.”
Die schönen tage von WESTROOSEBEEKE sind am 3. Juni zu ende. In aller frühe ist das regiment schon auf dem marsch. Über PASSCHENDAELE, BECELAERE wird um 7.30 Uhr bei WERVICQ die Lys überschritten. Damit sind wir auf Französischem boden. In ROUBAIX wartet die regimentsmusik. In tadelloser ordnung marschiert das regiment an seinem kommandeur vorbei. Das musikkorps, auf fahrrädern und lkw beweglich gemacht, überholt ständig die kolonne, um in größeren orten das regiment vorbeizuspielen. Tagesziel ist nach 48km. ANNAPES, ostwärts LILLE.


























