Archief
Eine frohe Kunde (Duits)
Eine frohe Kunde
Man sagt:
Es beginnt etwas.
Nicht laut.
Eher so,
als würde die Zeit
für einen Augenblick
langsamer gehen.
Aus der Menge
löst sich einer.
Kein Besonderer.
Er berührt,
ohne es zu wissen,
eine Möglichkeit.
Und schon
ist sein Weitergehen
anders geworden.
Es gibt Gesten,
die sich selbst nicht erklären.
Ein Atem,
ein Innehalten,
ein kurzes Verfehlen des Denkens.
Zwei Körper
finden eine Ordnung,
die älter ist als jedes Wort.
Danach:
Stille.
Und eine merkwürdige Erleichterung.
Ohne Beschluss
entsteht Bindung.
Ohne Versprechen
Dauer.
Das Umhersein
endet unauffällig.
Im Inneren
beginnt das Wachsen.
Kein Betrug mehr,
kein Ausweichen.
Nur Zeit,
die sich sammelt.
Ein Leib
lernt, Raum zu geben,
wird rund,
wird Welt.
Später
wird gehört,
gemessen,
gezählt.
Und dann
geschieht es:
Ein Dasein
verlässt sein erstes Dunkel.
Die Karten
waren längst bestellt.
Namenlos.
Geduldig.
Sie gehen nun hinaus
in die Straßen.
Und nachts,
wenn alles schon überstanden scheint,
denken zwei Menschen:
Das also
haben wir begonnen.
ich sah (Deutsch)
Ich sah
verspätete Schmetterlinge,
nah –
und doch in weiter Ferne.
Sie hatten auf mich gewartet.
Ich hatte sie verbannt,
weit hinaus,
aus meinem Denken gedacht.
Den Weg verengt,
kaum noch Licht gesehen.
Ich verschloss mich,
verkrampft,
vor anderem Guten.
Am Ende war es
kein wirkliches Gedicht.
Da rief ich
die Flatternden zurück,
öffnete meine Fenster
wieder weit,
bis zum Rand der Luft.
Das brauche ich:
nicht allein zu gehen,
mit mehreren
über die Schwellen
meines Lebens.
Mich selbst
kann ich den anderen
nicht vorenthalten.
Das ist es,
was das Leben mich lehrt.
Darum lasse ich mich
neu
rufen.
Schlaf hinein (Deutsch)
Schlaf hinein
Schlaf hinein
in das leise Dunkel.
Ich bin da,
ein Atem neben deinem.
Die Nacht legt
ihre Hände um uns,
weich,
ohne Fragen.
Schließ die Augen.
Was kommen will,
halte ich zurück
an der Schwelle des Traums.
Kein Bild,
das schmerzt.
Kein Ruf,
der dich weckt.
Nur ein Hauch
über dein verletzliches Gesicht,
nur Zärtlichkeit,
die dich findet –
klar wie ein Gedanke aus Licht,
so leicht,
dass selbst die Zeit
dich nicht berührt.
Reich mir deine Hand (Deutsch)
Reich mir deine Hand
Reich mir deine Hand,
eine Hand wie deine.
Ja – du dort,
der gerade vorübergeht.
Diese Hand,
sanft vielleicht,
noch frei.
Würdest du die meine berühren,
sie fühlen,
ergreifen,
nach ihr verlangen?
Oder sie
als Gabe
in der deinen empfangen?
Für einen Augenblick umschließen –
vielleicht teilen, um zu heilen,
oder einfach
aus Vertrauen.
Meine Finger sind weich,
von willigem Flaum umhüllt.
Ohne Zögern
kommen sie näher zu dir.
Ich sage nichts.
Ich lasse
die Stille sprechen.
Lass uns
einander die Hände schenken
und hoffen,
dass Zärtlichkeit
sich niederlässt.
Mein Schild und mein Vertrauen (Deutsch)
Mein Schild und mein Vertrauen
Mein Schild und mein Vertrauen,
äußerlich dargestellt,
leiblich umschlossen
von glänzenden rituellen Gewändern,
wo die Schönheit
ihre stoffliche Zuneigung zeigt.
Darüber hinaus feiert
das sanfte Leuchten
in euren beider Augen;
es spiegelt
den unvergleichlichen Weg
hin zu wortlosem Empfinden,
in dem liebevolle Wiedererkennung
das gegenseitige Dasein,
eine hoffnungsvolle Einheit, belohnt.
Schulter an Schulter
mit dem, was bereits
aus liebevoller Erwartung
geboren wurde,
aber auch mit den
tragenden Zeugen
wollt ihr einander
das Jawort zurufen.
In jener Ewigkeit des Augenblicks
stockte die Zeit,
doch bat euer Herz
um bleibende Glückseligkeit.
Stille Nähe (Deutsch)
Stille Nähe
Wenn Worte sich berühren,
verweilt ein leiser Moment.
Ein Blick bleibt stehen
auf der Haut der Zeit.
Zwischen Atem und Gedanke
entsteht ein sanftes Verstehen.
Nichts drängt, nichts fordert –
nur Nähe,
wie ein heller Raum aus Ruhe.
Dass du da bist (Deutsch)
Dass du da bist
Dass du da bist,
dich selbst verschenkst,
ohne Gegenleistung,
so kann Zuneigung
geboren werden
und – selten nur für einen Moment –
noch stärker sein.
Mehr kann ich es nicht sagen:
– dass du da bist –
das genügt.
Es braucht
keine tausend Worte,
um so etwas zu erklären.
Es war auch nicht so,
dass du darum gebeten hast.
Huldigung (Deutsch)
Huldigung
Mit einer Stimme verabschiedet
das Vaterland
seinen Dichter,
da er ehrenvoll entlassen wurde.
Sein Amt verstand er
überaus gut;
als Poet
ein Vorbild für viele,
zu denen auch ich mich zähle.
Der Baumeister
des vorgeschriebenen Reims
und des wohlbedachten Maßes
legt seine orangefarbene Schleife beiseite,
während er heute
die niederländische Bühne
wie ein wahrer Fürst verlässt.
Mir bleibt vor allem zu sagen:
Die Poesie war
während seiner
gekrönten Zeit
in vollem Maße
mit ihm gesegnet.
Driek van Wissen
Dichter des Vaterlandes
Geburtstag (Deutsch)
Geburtstag
Hallo Bruder, wie geht es dir?
Es war doch gestern,
dass du Geburtstag hattest.
Ich war anderswo auf der Toilette,
dort hing kein Kalender,
auf dem dein Name vermerkt war.
Wie alt bist du nun geworden?
Ja, das frage ich jedes Jahr.
Ich möchte nur ungern,
dass du ein falsch geschätztes Alter
als Zeichen von Desinteresse verstehst.
Hattest du diesmal Besuch,
oder hast du – wie so oft –
den Trubel vor der Tür gelassen?
Am liebsten gehst du an diesem Tag vorbei,
und nach so vielen Jahren
wird es doch zur Routine.
Mir geht es gut,
ich gehe so meinen eigenen Weg,
manchmal noch mit den Kindern,
ein wenig rangeln mit einer Tapete,
und mit dem Rauchen
will ich immer noch kürzertreten.
Nun, Bruder, noch einen schönen Abend,
es war wieder gut, von dir zu hören.
Denn wir bleiben Familie –
schön, dass wir einander
nicht aus den Augen verloren haben.


