Das Collectaneum eines Menschen
Teil II – Interbellum
Abschnitt 2
Ich schlendere –
stellen Sie sich das vor –
und gehe so meines Weges,
oft tief versunken
in Gedanken.
Das gehört sich auch so:
Ein Huhn nimmt sich schließlich
auch Zeit
für das Ei.
Ich habe ein Auge
für ernste Dinge,
nicht dass ich notwendig
zu größerer Weisheit gelangte.
Nein – ich denke,
weil ich bin,
wie ein Weiser
einst gesagt hat.
Ich bin ein Schlenderer,
einer von der Art:
Wenn es heute nicht gelingt,
wird es morgen vollendet sein –
wie in der Ordnung
jeder Jahreszeit.
So denke ich noch an gestern:
Der Tag war noch nicht rund,
obwohl es auch sein kann,
dass mein jetziges Grübeln
genährt wird
von undeutlichen Worten
aus Ihrem Mund.
Sie verstehen nun mein Tempo:
beladen mit schwerem Kopf
und ergrauten Schläfen
muss ich mich nicht beeilen.
Sind Sie denn ein berühmter Dichter,
nachdem Sie sich
mit ungezügelter Leidenschaft
so verausgabt haben?
Ihre Worte sind morgen Luft,
von Verdunstung angegriffen,
Ihre Kritiken verglommen,
Ihre Gedichte
umso leichter.
Es möge deutlich sein:
Ich ordne meine Gedanken,
erschaffe ein Bild
von gestern und davor.
Ich fahre mir durch das Haar,
runzle mein bebrilltes Gesicht.
Ich bin ein Schlenderer,
ein Träumer auf der Straße.
Durch inneres Schauen
erschaffe ich mein Leben
langsam,
damit ich niemanden störe.
Ich nähere mich meiner Bank
in einem verfallenen Park,
umgeben von wilden Sträuchern.
Hier komme ich zur Ruhe,
hier kann ich wirklich
untertauchen.
Plötzlich mache ich mir Sorgen –
und das ist neu –
um den Tag von morgen.
Wie Sie wissen,
ist das eine Last.
Sollte ich denn doch
durch das Erwarten
angetastet werden?
Nein, niemals,
spukte es mir im Kopf.
Werde ich am Ende
meiner Langsamkeit beraubt?
Angesteckt
vom Müssen?
Nein, dafür ist
mein Lebensgang zu träge.
Zufrieden
drehe ich mir einen Shaggy;
das lenkt mich ab
von der letzten Frage.
Damit will ich
weder Sie
noch mich selbst belasten.
Ich blase den Rauch
gerade vor mich hin –
Sie werden es verstehen:
Dies sind die Augenblicke,
in denen ich meinen Kopf befreie
und meine Welt entlaste,
bis die Dämmerung in mir
eingeläutet wird.
Wenn die Sonne verschwindet,
nach langer Pose,
hinter den Wipfeln
der Lindenbäume
und die Stille erscheint,
ruht mein Blick
auf einem letzten sichtbaren Vogel.
Als wollte er näherkommen –
zwei Fremde beieinander,
doch still verbunden
im Scheiden des Tages.
Er berührt eine wesentliche Saite:
das Verstehen
ohne Münder.
Das kannte ich schon,
erzählt ein zartes Lächeln.
Ich mache mich
auf den Weg zurück –
doch sehen Sie diese Worte
nicht bloß als Schluss.
So gehe ich
in bedächtigem Schritt,
der mich immer schon bezaubert hat
und dem ich mich niemals
widersetzt habe.
Julius – Vitanova
Kapitel 3, Vers 4a
Ich träume so oft
meine Träume
im Licht des Alltags,
von meiner Liebe
und fernem Glück,
dass es mich vermag,
ohne allen Schmuck
Dir näherzukommen.