Oratorium des Homo sapiens
Oratorium des Homo sapiens,
ich spreche vom Menschen,
Andro, dem Geworfenen.
Er erblickte das Licht,
unvertraut mit einem
gewählten oder bewussten Wunsch,
gefallen wie ein Kind.
O Andro, du wirst ein Held,
du bekämpfst das Leben,
doch wirst durch das heilige Sterben
letztlich gefällt.
Gezeugt durch Genuss
und treibend in einer Frau,
bis die Natur entschied
über einen verkrampfenden Tau
und Andro, wesenbloß,
in ein armseliges Heldentum goss.
O Andro, du wirst ein Held,
du bekämpfst das Leben,
doch wirst durch das heilige Sterben
letztlich gefällt.
Sieh hier den Geworfenen,
willenlos, von Trieben
vorwärtsgetrieben,
um einen Weg zu gehen
entlang saugender Brüste
und schützender Hände,
aus dem ewigen Nichts
zu einem stofflichen Leib gewoben.
O Andro, du wirst ein Held,
du bekämpfst das Leben,
doch wirst durch das heilige Sterben
letztlich gefällt.
Wenn du dann zum Denken
verurteilt wirst,
auf das Schlachtfeld
von Gut und Böse,
von Licht und Dunkel
und zeugendem Samen,
kreuzt du die Degen,
spaltest du deine eigene
und fremde Seele,
schon durchbohrt von
vermeintlichem Lebensrat.
O Andro, du wirst ein Held,
du bekämpfst das Leben,
doch wirst durch das heilige Sterben
letztlich gefällt.
Ziellos dahinrasend,
gesattelt auf dem Pferd
des freien Willens,
vom Höchsten Wesen
ungefragt geerdet,
wächst dein Heldentum
durch stürmischen Herzschmerz
und absterbende Glieder,
manchmal zur Kunst erhoben,
verfeinert, feinsinnig.
O Andro, du wirst ein Held,
du bekämpfst das Leben,
doch wirst durch das heilige Sterben
letztlich gefällt.
Ich erblicke dich, Andro,
nun ausgestreckt als Leichnam,
die Hände gekreuzt,
in einem ungleichen Kampf
das Leben verloren,
gekämpft für die freie,
totgeborene Wahl.
Wie kann dein Tod
mich nun so betören?
O Andro, du wirst ein Held,
du bekämpfst das Leben,
doch wirst durch das heilige Sterben
letztlich gefällt.
Sieh hier den Helden, Andro,
mit offenen Augen gestritten
und das sterbende Leben
überwunden und bekannt.
Held – du warst Mensch,
einfach aus der Ewigkeit,
einfach nur für einen Augenblick.
O Andro, du wirst ein Held,
du bekämpfst das Leben,
doch wirst durch das heilige Sterben
letztlich gefällt.
Das Gedicht entwirft eine umfassende existentielle Dramaturgie des Menschseins, dargestellt in der Figur Andro, die exemplarisch für den homo sapiens steht. Bereits der Oratoriums‑Charakter verweist auf eine feierliche, fast liturgische Grundhaltung: Das individuelle Leben wird als universales Schicksal inszeniert, als Gesang über Ursprung, Dasein, Kampf und Tod des Menschen.