A. Einstein und J. Dreyfsandt zu Schlamm
A. Einstein und J. Dreyfsandt zu Schlamm
Meine veränderlichen Gedanken
stellen selbst mein Kaleidoskop
vor ein Rätsel.
Bin ich am Ende doch
der, der ich nicht bin?
julius dreyfsandt, 2003
Sie werden dies vermutlich zehnmal lesen müssen, um die eigentliche Bedeutung dieses Zitats zu erfassen. Ich selbst bin inzwischen beim elften Mal angelangt und muss zugeben: Hier habe ich etwas beinahe Übernatürliches geschrieben. Ein Jahr später kann ich diese ungewöhnliche intellektuelle Beschreibung meiner selbst kaum noch begreifen. Es hat viele Besuche bei meinem Psychiater gebraucht, um dem Kern näherzukommen.
Auf den ersten Blick denkt man: Was redet er da eigentlich? Bin ich also doch der, der ich nicht bin? So etwas wie: Ich bin ein Apfel, aber eigentlich nicht. Ich bin Julius – und doch wieder nicht.
Ich beginne außerdem mit: meine veränderlichen Gedanken… Damit ist das Chaos eigentlich schon vollständig. Und da ich zugleich in ein Kaleidoskop blicke, verliere ich völlig den Überblick. Sie kennen das: so ein Gerät, das bei jeder Drehung neue, bunte Muster zeigt, gespiegelt und vervielfacht. Es ist kaum noch zu erfassen – es geht sogar über das Chaos hinaus.
Mein Psychiater wurde davon fast wahnsinnig. Er konnte diese Gedanken weder deuten noch erklären, auch nicht nach Regressionstherapie oder sogenannten frühkindlichen Rückführungen. Es war klar, dass ein breiterer Ansatz notwendig war.
Er zog Experten aus verschiedenen Bereichen hinzu: Fachleute für „Sein oder Nichtsein“, für Kaleidologie und sogar Spezialisten für Kryptogramme. Auch Naturwissenschaftler, die sich mit Chaostheorie und Einstein auskannten, beschäftigten sich damit.
Bald zeigte sich jedoch, dass manche Dinge sich nicht erklären lassen. Daher wurden zusätzlich ein Pfarrer und ein Paragnost eingeschaltet. Die zentrale Frage lautete: Wer hatte Julius diese Worte sprechen lassen? Man war sich einig, dass diese nicht allein aus mir selbst stammen konnten – hier musste etwas Höheres im Spiel sein.
Bibeltexte wurden diskutiert, Bilder von den Tafeln des Mose bemüht, und schließlich war klar: So konnte es nicht weitergehen. Es wurde ein Managementteam eingesetzt, das die weitere Untersuchung begleiten sollte.
Geleitet wurde es vom Chefredakteur des „Telegraaf“, da er bewiesen hatte, selbst komplexe Probleme einfach darstellen zu können – verständlich für jedermann, auch wenn es nicht immer vollständig der Wahrheit entspricht. Aber das war eine Nebensache.
Inzwischen gingen meine Gespräche mit dem Psychiater einfach weiter. Die Krankenkasse hatte der Behandlung zugestimmt, und dann setzt man sie eben fort. Außerdem bestand für ihn die Aussicht auf eine Promotion, sofern er mich bis zum Ende begleiten würde. Um einen kleinen Einblick zu geben: Neben dem oben genannten Problem gab es noch zahlreiche weitere Auffälligkeiten.
So litt ich zum Beispiel unter Überschätzungsdrang, das heißt, ich schätzte andere (meine Schätzchen) zu hoch ein. Weniger gravierend war die sogenannte Balneurose: zu wissen, dass man zwei hat, aber nur einen zu spüren glaubt – oder umgekehrt.
Schwerwiegender war die Krankheit „Prospect“: ein zwanghaftes Sammeln von Prospekten (nicht Prostata!) und Broschüren, die ich ununterbrochen zusammenklebte. Die Behandlung war äußerst zeitaufwendig – alles musste wieder getrennt werden. Zum Glück half mein Psychiater dabei.
In der Zwischenzeit machten auch die Experten Fortschritte in ihrer Untersuchung – Sie erinnern sich, jene neue Variante der Chaostheorie, die offenbar durch mich zum Ausdruck gekommen war.
Schließlich kam man zu folgendem Schluss: Wenn man Genever, Cognac und reines Bier in der richtigen Menge mischt und dazu einen bestimmten französischen Käse isst – und das einen ganzen Tag lang –, kann ein Moment eintreten, in dem man den Drang verspürt, in den Spiegel zu schauen (meist auf einer Toilette).
Dann sagt man plötzlich:
„Ha Julius, Metha, Lia … bist du das?“
Und die Antwort lautet:
Nein – das kann ich nicht sein.


