Die gelehrte Kapelle, anderswo
Die gelehrte Kapelle, anderswo
.
heute war ich nicht dort.
ich fehlte — leise, fast unbemerkt,
wie ein Stuhl, der nicht herangerückt wird.
dort, wo Worte sich fanden,
wo sie im vertrauten Kreis von Seele
zu Seele glitten, war ich nicht.
.
meine Gedanken jedoch warteten auf etwas Zartes,
etwas Spiegelndes, ein stilles Wiedererkennen in anderen Augen.
doch ich blieb fern.
mein Prosa — aus alten Gedichten gehoben,
neu geformt, neu empfunden
— ruht weiter auf meinem Papier, schwarz auf weiß,
als wartete es selbst auf eine Hand, die es berührt.
.
ich sandte es einem König, einem Hispanisten,
einem Madrilenen, der mich fand, mich erkannte,
mich annahm. das war genug für einen Augenblick.
.
nein, ich war nicht bei jener Runde von Freunden und Bekannten,
alle geübt im Lauschen, alle suchend nach Worten,
die in der kleinen Kapelle wie feine Fäden aufstiegen.
.
ich habe ein Brüten verpasst, ein warmes Werden.
„deine Zeit kommt noch“, sagte meine innere Stimme,
so sanft, dass ich ihr glauben musste.
.
Prosa ist wie Prozac — sie löst die Schwere,
nimmt den Geruch der Nacht,
und manchmal auch die Spur der Abwesenheit.
meine Gedanken stehen Wache, nah an mir,
wie Tiere, die wissen, wann ich heimkehre.


